CSD Berlin: Die ‚Asexualität‘ in FLINTA

Nachtrag: Unsere erste Mail an den CSD Berlin samt der Darlegung der vorliegenden Problematik ereignete sich bereits im April. 

Der CSD Berlin meint weiterhin, dass es vollkommen unproblematisch sei, dass das ‚A‘ in „FLINTA +“ für asexuelle Personen (bzw. O-Ton „weibliche* Asexualität„) stünde, obwohl dem nicht so ist.

Wir sind der Meinung, dass es ein grober Faux Pas ist, den der CSD Berlin sich – in Antwort auf unsere Mail – nicht eingestehen will, weil peinlich. Deswegen wird darauf beharrt und nun einfach ‚weiblich*‚ daraus gemacht und im Nachgang behaupten, es stünde auch für ‚agender‚.
Das ‚A‘ steht, in unseren Augen, ausschließlich für ‚agender‘ und die zweckentfremdete Verwendung als ‚Asexualität’/“weibliche* A.“ ist kritisch zu begutachten:

F(L)INTA-Aufzählung beschreibt grob(!) Geschlecht_er/-Identitäten, Körper und geschlecht_er-verbundene Positionierungen. [Die extraordinäre Besonderheit lesbischer Geschichte und die Auseinandersetzung mit dem Thema sei bitte an anderer Stelle nachzulesen]

Was hat da Asexualität zu suchen?

Wie immer ein Othering, das wir schon lange um den „Diskurs“ unserer sexuellen Orientierung erdulden müssen. Stellt es eine Akkumulation von Zugehörigkeiten von geschlecht_er-basierender cis-endo-hetero*-patriarchialer Normbetroffenheit dar?
Wenn diese Auslegung wahr wäre (zweifelhaft), warum werden mspec und aro Community unerwähnt gelassen?
(*Heteronormativität beherbergt oft auch Erwartungen rund um Geschlechterrollen [und trifft dadurch Aussagen über Geschlecht_er und fast immer implizit Agender Erasure].Auch hier selbst recherchieren; es geht nicht immer nur um „Heterosexualität ist Standard“.)

Das FINTA-‚A‘ für ‚asexuell‘ – Problematik 1


Es reproduziert die herabwürdigend gemeinte, agenderfeindliche/-unsichtbarmachende Form von „Geschlechtslosigkeit / Ungeschlechtlichkeit„.
Diese Falschauslegung wird öfter vertauscht, macht es aber nicht in Ordnung. Nicht nur fließt es in acefeindliche Sterotypen von Dehumanisierung mit ein (‚es gibt keine menschliche Asexualität/ Asexuelle sind un-menschlich, Darstellung als Aliens, Roboter‚) – es diskriminiert damit ja auch ganz eindeutig alle agender Leute gleich mit!

Ein prominentes Beispiel Deutschlands: Der Duden.
Es ist nicht zu leugnen, dass in dieser Wortwahl eine negative Behaftung Einklang findet. Es sagt viel über nicht-agender Allosexuelle aus, wie sie diesen Communities „Fehler-, Mangelhaftigkeit“ attestieren.

Das FINTA-‚A‘ für ‚asexuell‘ – Problematik 2

Als degradierende Vokabel („asexualism„) wurde historisch mit Asexualität auch Intergeschlechtlichkeit gemeint. Und sogar bis zu einem Zeitpunkt, zudem die Ace Community a) existent, b) ihre Identität als sexuelle Orientierung formulierte!

TW Interfeindlichkeit Agenderfeindlichkeit

„Sexuality Now: Embracing Diversity.“ (2004) zum Beispiel (Bild). Aber diese Interpretation von Asexualität geht (unseres Wissen nach) sehr weit zurück. So zieht 1910 Magnus Hirschfeld vergleichbare Verbindungen heran.

Asexualism: The Genetics but Not the Sex A final type of gender category is asexuality. On occasion, usually due to a mother’s hor- mone use during pregnancy, a child is born without sexual organs of any kind. This means that the child has no ovaries, uterus, or vagina; has no penis or testicles; and usually has only a bladder and a urethra ending in an aperture for the elimination of urine.  asexuality: Often refers to the lack of sexual desire, but can also refer to a lack of maleness or femaleness.
Screenshot des 2004 erschienen Werks, das behauptet, es würde sich bei Asexualität um Intergeschlechtlichkeit handeln.

Unsere Planung ist zum Thema eine ausgiebige Analyse zu veröffentlichen, denn die Wandlung des Verständnisses und Definitionen, als auch die negativen Behaftung, überall da, wo „Fehlen“ in queeren / LGBTQIA+ Kontexten (inter, aro, ace, agender) gesehen wird, ist weit verbreitet.


Es ist also keinesfalls unproblematisch, Asexualität in den FINTA / FLINTA -Raum zu stellen. Sprache ist wichtig und diese linguistische Misrepräsentation kann, angesichts der Fragilität asexueller Repräsentation in Deutschland, zu schnell Fuß fassen. (Bsp.: siehe Berliner ‚My Body Is Not Your Porn‚-Demo-Beschreibung, bzw. wie es zumindest auf Rache Am Patriarchat Berlin-Website von FLINTA_ktion lange ebenso auch fälschlicherweise beschrieben wurde)

Wir reden hier schließlich vom CSD Berlin; es darf erwartet werden, dass eine derartig mächtige Orga, einer der größten Pride-Veranstaltungen Europas (!), es besser und verantwortungsvoller macht. Im bisherigen Gespräch haben nicht den Eindruck erhalten, dass der Fehler eingesehen werden (wollte), sondern der Versuch war, sich mit Ausreden und PR-Rhetorik freizusprechen.
Wir haben im Schriftverkehr durch offene Nachfragen Klärung ermöglicht und viele Argumente geliefert, auf die nicht bis kaum reagiert wurden, noch jegliche valide Gegenargumente.
Mein asexueller Freund hat aber gesagt, ist okay“ ist kein legitimer Konter. Unsere Kritik ist logisch und gut belegt (Thema unbezahlte, „ehrenamtliche“ Arbeit). Das ändert aber wohl nix daran, dass es für unreflektierte Alloprivilegierte keinen Änderungsbedarf zu geben scheint.

Es ist für so viele deutsche CSDs so bezeichnend, dass sie gerne so tun, als würden sie unterrepräsentierte Gruppen inkludieren, aber das absolut nichts heißt. Es sind nicht mehr als bedeutungslose, leere Gesten; ein rainbow-/pinkwashing der eigenen Community.Das ist nicht okay.
Wie Cologne Pride und das Aufführen der Ace Pride Flag, aber Weglassen der Aro Pride Flag, auf ihrer Soliflagge, obwohl der Vorstand nicht einen Funken aspec Inklusion in sich trägt, weder je mit @aro_sphere noch uns in Kontakt traten, oder aspec Community-Austausch anstreben… … und nicht einmal wussten(!), was ‚ace‘ oder ‚aro‘ bedeuten (reales Vorkommnis).
Aber wie schön, dass der CSD, der uns genauso wenig vor den realen aspec/acefeindlichen Anfeindungen auf ihrer „Partydemo“ schützt, mit der asexuellen Prideflagge wirbt.



Asexueller Einbezug und „Sichtbarkeit“ ist doch keine leere Phrase – da muss auch Handlung hinterstecken. Irgendwo „Asexualität“ reinschmeißen, gucken, wo’s stecken bleibt, does not do the job!
Und fangen wir gar nicht erst mit der Ausrede von „weiblicher* Asexualität“ an.
Oder vom falschen Anhängen pseudoinklusiven * Gendersternchens (in dieser Nutzungsweise – Kritik dazu kommt schon seit Jahren aus der trans Community) und zur erneuten problematischen Reproduktion eines desexualisierten Frauenbildes.

So viel gibt es auch über Männlichkeit_en, Mannsein & Asexualität zu sagen; die vielseitigen Schwierigkeit, mit denen speziell asexuelle Männer betroffen werden, fehlende Rep in der Ace Community, usw.! Gegeben dieser Lage macht es Sinn, Männer auf dem asexuellen Spektrum zu erasen /sarcasm

Desweiteren: Exorsexismus und Erasure, wenn beim ‚N‘ in ‚FLINTA‘ wohl nur allosexuelle nicht-binäre Menschen gemeint werden.
Warum also „weibliche* Asexualität„?
Hier eine wichtige Erinnerung an alle (besonders jene, die glauben, hier Freiraum vor ~“bösen Menners“~ zu kreieren):
FLINTA ist kein Catch-All-Begriff für von Misogynie-betroffenen Menschen, noch „Frauen Lite“, noch „weiblich gelesen“ (problematische, gewaltvolle Externzuschreibung), noch „Alle Nicht-Männer“.

Was hat Asexualität da zu suchen?
Es macht keinen Sinn.
Nicht nur das – es ist konterprogressiv. Wenn es gute Argumente für die „Interpretation“ des CSDs Berlin gäbe, darf das gerne mitgeteilt werden.
Die kontextuelle Betrachtung unsererseits weist jedoch sehr stark darauf hin, dass keinmensch geholfen wird, schon gar nicht Asexuellen!

Wir halten es für bevormundend und ignorant. Einzugestehen, einen peinlichen Fehler zu begehen, zeugt auch von Stärke, Lernbereitschaft und zu wissen, wann eins die eigene Position öfter kritisch reflektieren sollte.
Ein Doubling Down mit PR Speak ist hingegen einfach nur frech.Es zeigt uns wieder, dass Asexuelle in der LGBTQIA+ Community nicht respektiert werden.
Wir seien ja eh‘ „so wenige“, das interessiere hier in Deutschland, noch in der Community irgendjemensch, wenn Kritik von der Seite geäußert wird. Wir haben versucht, interaktiv mitzugestalten, indem wir uns die Zeit und Arbeit gemacht haben, Antwortschreiben zu verfassen.

Die Reflexionsarbeit können wir Allosexuellen nicht abnehmen.

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