Ace Elitarismus: Das unterschätzte Problem der asexuellen Community

CW Rassismus Kolonialismus Sex negativity Slutshaming Identity Policing internalisierte Allonormativität Reproduktion anti-asexueller Rhetorik

Einer der queerpolitischen Ziele unserer Ace Community ist der Abbau besagter Normen (primär Allonormativität, inklusive Heteronormativität, Amatonormativität, etc.), die uns abwerten und unser Verhalten stereotypisieren. Ein effektives Mittel kann zum Beispiel Aufklärungsarbeit sein oder Einbindung von Asexualität in den Aufklärungsunterricht. Im Umkehrschluss muss es aber auch bedeuten, dass wir in unserer asexuellen Gemeinschaft selbst gegen eine toxische Wertigkeitssystematik angehen müssen, in der Asexuelle hierarchisch nach dem Sexualverhalten beurteilt werden.

Ace Elitarismus führt dazu, dass wir uns die Zugehörigkeit absprechen (🛑 „Wie kann eins asexuell sein, wenn Du [das oder jenes] machst / gemacht hast!?„), einander nicht als vollwertige Asexuelle bzw. Mitglieder der asexuellen Community annehmen (🛑 „Naja, so ganz asexuell bist Du ja dann doch nicht!„) oder das Identitäten auf dem asexuellen Spektrum gegeneinander ausgespielt werden ( 🛑 „Demisexuelle sind ja nicht komplett ace…“ 🛑 „Die reinste Form von Aceness sind immer noch die Leute, die sich nie sexuelle anzogen fühlen!„). Gerade die Invalidierung von acespec Identitäten außer ‚asexuell‘ wird häufig von Grey Aces und Demisexuellen immer wieder als community-interne Kritik geäußert.

Weitere Einflüsse lassen sich in Identity Policing (wie ich in meiner Rolle als Organizer meiner Aces NRW-Gruppe 2019 erleben musste), Slutshaming und dem gegenseitig attestierten Purity Tests wiederfinden. Hier scheinen sich viele Aces in einer fälschlichen moralischen Überlegenheit selbst überbieten zu wollen, die sich alleinig aufgrund des Nicht-Sex-Habens als „bessere, „echtere“ Asexuelle“ halten. Wie bei vielen deutschen facebook-Gruppen für Asexuelle (Hey fACEbook, Aces können Sex haben. Und haben es auch, fACEbook’s Zugehörigkeitsschwur) vorzufinden, versichern sich die Mitglieder beim Eintritt in diese Onlineräumen mit einer langen Introduction gegenseitig sehr häufig, dass auch sie – wie vermeintlich alle anderen Asexuellen auch – Sex absolut nicht ausstehen könnten. Oft wird das Ganze detailreich durch Preisgabe von persönlichen Erfahrungsberichten begleitet. So wichtig das Mitteilen in den als safe spaces ausgelegten Gruppen auch ist, wird die Alienation und das Othering all jener Asexueller, die ein gänzlich anderes Verhältnis zu Sex haben, durch das konstante Vergleichen von ‚der einen, einzigen asexuellen Erfahrung™‚ dort oftmals übersehen oder gar ignoriert.

Naheliegend ist auch, dass Elitarismus in seinem Prinzip der moralischen Überlegenheit (supremacy) im Kern ganz stark durch das Einspielen von patriarchalen und rassistisch-kolonialistischen Vorstellungen (siehe z.B.: Layla-Roxanne Hill 2019: Let’s Talk about Sex (and Race and Colonialism), Ianna Hawkins Owen 2014: On the Racialization of Asexuality) geprägt ist. Bei der Durchsetzung der oft vom Christentum abgeleiteten Sexualnormen spielt das Ausüben von Kontrolle (durch white supremacy, sex negativity) eine von Grund auf zerstörerische Rolle. Gerne möchte ich auf die verlinkten englischsprachigen Originaltexte verweisen, die sehr informativ und gehaltvoll die darunterliegenden Strukturen aufzeigen – es lohnt sich sehr!

Eine weitere Vermutung, weshalb Ace Elitarismus besteht, sehe ich in internalisierter Allonormativität:
Da wir Menschen auf dem asexuellen Spektrum in einer Gesellschaft aufwachsen, die uns diese schädlichen „Regularien“ (Regeln, Normen > die Vermittlung des Gefühls von „Ordnung“; Ordnung als fälschlich angenommene, Sicherheit suggerierender Kontrolle > im Kern die Basis von Konservatismus) ebenso wie Allosexuellen einflößt, verinnerlichen auch wir diese Einstellung mitunter. Ich habe die Hypothese, dass es als aktive Agent_Innen von Allonormativität einfacher ist, im System zu überleben, statt sich dem sehr anstrengenden Widerstand gegen jene unterdrückerische Unfreiheit zu verschreiben. Nicht nur das: Das Reproduzieren der Allonorm könnte gar von allosexueller Seite belohnt werden. Ein sich selbst aufrecht erhaltenes Geflecht also, fußend auf eine Art Respectability Politics vielleicht. Doch bringt das die erhoffte Freiheit? Ist dieses Mitwirken nicht das komplette Gegenteil unserer erhofften subversiven Selbstbemächtigung? Was ist gemeint mit ‚aktive Agentenschaft der Allonormativität‚?

„Sie war der Überzeugung, dass nur ‚Sex ablehnende‘ Aces asexuell seien. Sie könne sich gar nicht vorstellen, dass es anders sein könne. Wie könne man denn sonst überhaupt asexuell sein?

Aus Ace Elitarismus: Gatekeeping, Identity Policing, Sex Shaming durch andere Asexuelle

Nun, Asexuelle mit internalisierter Allonormativität engagieren sich, indem sie andere Asexuelle anhand ihrer sexuellen Handlungen und Aktivitäten messen, be- und verurteilen und es als Maßstab für asexuelle Identität nehmen, anstatt auf die in Ace Culture (an Anlehnung am Begriff ‚gay culture‚) erarbeiteten und etablierten Wissensschätze unserer eigenen Community zurückzugreifen; dieser Fundus ist der Schlüssel, ja gar das radikale Mittel asexueller Selbstbefähigung und Selbstbestimmung. Durch Ace Culture können wir getrost selbst bestimmen, wie wir unsere eigene Asexualität definieren. Durch (das Erfinden und Entdecken von) Micro Labels, zum Beispiel. Oder durch das schlichte Verkünden, dass mensch „einfach irgendwie ace ist„; keine weitere Ausführung oder Erklärung nötig.

Asexuelle mit internalisierter Allonormativität kopieren das, was Allosexuelle uns stets vorleben. Allosexuelle, die sich nicht aktiv am Abbau von gesellschaftlicher Allonormativität beteiligen, merken nicht, welche Vorteile sie durch ihr Allosexuellsein genießen. Sie sind besonders verbissen, Asexuellen die gerade beschriebenen, hier aber externen Maßstäbe und Kontrollmechanismen für ihre Identität aufzuerlegen und uns zu policen. Sie sprechen uns unsere Sexualität ab, wenn wir nicht nach ihren Vorstellungen aussehen, uns verhalten oder ausdrücken, uns benennen und labeln (oder eben nicht), hinterfragen aber nie selbst, warum sie zum Beispiel Sex haben (denn ja, es gibt auch für Euch Allosexys etliche Gründe, denen ihr Euch so selten bewusst zu sein scheint) oder welche Rolle ihre als Norm empfundene sexuelle Anziehung in der Mehrheitsgesellschaft die Umwelt spielt.

Es ist ein schwieriges, aber keinesfalls unmögliches Unterfangen, Asexuellen mit verschiedenen persönlichen Verhältnissen zu Sex einen sicheren Platz zu bieten, in denen sie ihre Erfahrungen miteinander teilen können, ohne auf Ablehnung zu treffen. Alleine das bloße Dividieren in zwei Lager („Es gibt nur sexuell aktive und sexuell inaktive Aces„) unserer so vielfältigen Gemeinschaft ist absurd. Wir sind Menschen und die Realität ist ebenso menschlich, ergo wunderbar vielfältig. Ich möchte schlicht daran erinnern, das unser Zusammenhalt nie auf Hierarchie basieren darf. Sie bedingt Ungleichheit. Ein Sich Gegeneinader Ausspielen stärkt nur diese unterdrückerische Allonorm, die in solchen Zuständen des Streits gedeiht! Sie wirft unsere Ziele asexueller Liberation weit nach hinten! Sex repulsed – Sein und Sex Aversion ist gesellschaftlich stark stigmatisiert und sie gelten als asexuelles Stereotyp, während sex favourable Asexuelle entweder als Token (wordpress-Artikel in Bearbeitung) für allosexuell-fokusierte Überheblichkeitsfantasien gebraucht oder als Ding der Unmöglichkeit („Asexuelle können gar keinen Sex haben!„) deklariert werden.

Wir müssen besser sein als das. Wir dürfen nicht davor zurückscheuen, die unfaire Behandlung durch unsere asexuellen Geschwister outzucallen. Ungleichheiten lösen sich auch in safe spACEs auch nicht auf.
Ich plädiere für ein neues Verständnis: Geben wir diesen Vergleichen und Verurteilungen nicht nach – niemensch wird dadurch je gewinnen. Wir sollten uns gegenseitig stärken, anstatt uns niederzureißen – für nicht mehr als ein anerkennendes Klopfen auf die Schulter von Allosexuellen. Wir müssen besser sein als das.

Bild:

Hintergrund: Annie Spratt @anniespratt ‚Pink tiles‚ (Paypal)
Waage: Kelvin Theseira @gogofoto ‚Barcelona, Spain

2 Gedanken zu „Ace Elitarismus: Das unterschätzte Problem der asexuellen Community

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