„Warum sollten Asexuelle Angst haben, sich zu outen? Oder Interviews zu geben?“ Wegen Beiträgen wie der puls Reportage

Warum sollten Asexuelle Angst haben, sich zu outen? Oder sich öffentlich zeigen & Interviews mit den Medien geben?“

🤔 Acefeindlichkeit? Korrektive Vergewaltigung? Etc.

Deswegen z.B.: @puls_br Reportage ‚Leben ohne Sex: Wie es ist, asexuell zu sein‘ #AsexualAwarenessWeek

puls: "Wie wär's mit uns beiden? Und dann sage ich Dir: 'Hör zu, ich bin asexuell'. Wie würdest Du reagieren?"
Passant: "Gott, damit komme ich nicht klar. [...]
Ich krieg' sie schon hin. Ich bieg sie wieder gerade.
Sie wird schon Spaß haben mit mir."
„Geradebiegen“ impliziert korrektive Vergewaltigung

cw Acefeindlichkeit korrektive Vergewaltigung

Ich starte mit einigen weiteren Antworten von Passanten, mit der die Reportage startete. Anmerkung: Dass Asexualität nicht zwangsläufig gleichzusetzen ist mit ‚Person hat keinen Sex. Niemals.‘ ist so schon nicht allgemeingültig.

Passant: "Für immer kein Sex?"
puls: "Für immer immer immer"
Passant: "Ich muss auch irgendwo meine Bedürfnisse befriedigen."
Wo Passant seine „Bedürfnisse befriedigt“ … Wir hoffen, es ist mit Konsens

Acefeindlichkeit zeigt sich besonders häufig so, dass asexuellen Leuten ihre Menschlichkeit abgesprochen wird. Asexuelle werden gesehen als ‚weniger menschlich, weniger wertvoll als Kontaktpartner im Vergleich zu allen anderen sexuellen Orientierungen‚ [MacInnis & Hodson (2012)]

Passant: "Wenn Du kein Bock drauf hast, dann ciao![Sex] ist menschlich. Ich sag mal, von der Natur gegeben."
Ich sag mal, Sex ist nicht inhärent menschlich und nein, Sex ist auch nicht zwangsläufig natürlich

Besonders als romantische Partnerpersonen scheint es für die befragten Allos ein absolutes No Go zu sein, wenn das Gegenüber (besser gesagt ‚potentielle Beziehungsperson‘) keine Sex haben will oder eben keine sexuelle Anziehen verspürt.

Moderatorin Ariane Alter fragt die Passanten „Warum sind Asexuelle asexuell? Was ist da […]?“

Was ist da SCHIEF GELAUFEN lautet vermutlich die vollständige, stark negativ implizierende Frage! Asexualität müsste ja EINEN GRUND HABEN (krank? verstört?)!

Das Zugrundeliegende, was Allosexuelle in unserer sexuellen Orientierung suchen, passt sehr gut in das acefeindliche Bild der unmenschlichen, ab-normen, vermutlich kranken, Asexuellen. Es ist für Viele einfach unvorstellbar, so zu sein & fühlen, wie wir sind.

Die acefeindlichen Passanten glauben, Asexuelle seien „hässlich„, hätten „schlechte Erfahrungen“ gemacht, seien „Hobbylose, die sich im Internet umschauen & dann Angst vor so einem Scheiß [O-Ton; pornografische Aktivitäten?] kriegen

Dieser „Johannes“ hier meint Folgendes: #Trend?

Passant link: "Daher glaube ich, dass es tatsächlich eher - sorry an alle Asexuellen *gluckst* - eine Modeerscheinung ist."
Ich glaube ja tatsächlich, dass Allosexualität eine Modeerscheinung ist. #SorryNotSorry „Johannes

cw Transfeindlichkeit

Das erinnert mich etwas ans Absprechen der Selbstbestimmung beim Pseudo-Alarmschrei nach ‚transtrender‘. Asexualität wird sehr oft als „moderne NEUerscheinung“ präsentiert (remember SWR „PHÄNOMEN“?). Warum?

Erasure, Absprache der Legitimität von Asexualität & der missverstandenen, fehlinterpretieren oder der absichtlichen Lücken/Fehlen/Ausschließen aus queerhistorischer Dokumentation, die durch unsere gewisse inhärente Unsichtbarkeit mitgetragen sein könnte.

Unsichtbar-Sein ist KEIN PRIVILEG! Gerade bei Asexualität wird es deutlich!

Die Reportage führt dann Nicole ein, die asexuelle Person, die dem Publikum nun zeigen soll, wie es denn ist, asexuell™ zu sein. Es folgt eine alloheteronormativer Fokus auf ‚die HEIßEN MÄNNER‚, die Nicole so gerne zu zeichnen scheint. Weil natürlich muss es an Männern liegen!

Natürlich muss nun wieder genaustens inspiziert werden, was die Asexuellen™ da empfinden. Der Versuch einer scheinbaren Demystifizierung. Dass es unterschiedliche & durchaus unabhängig voneinander empfindbare Arten von Anziehungen gibt? Nun, das wird nicht erläutert.

Ohne Belege, aber für mich schwingt in diesem Teil ein bestimmtes Maß an Infantilisierung mit (Unreife, Naivität) – ein gängiges Narrativ. Gerade bei Nicoles Unwohlsein (im romantischem Kontext?) kommt aus dem Off „Und das schon bei einer Umarmung! Sex geht für sie gar nicht.“ Dieses Unverständnis, dass die Beitragsmachenden übermitteln, dass jemensch touch averse* zu sein (sogar sex repulsed) könnte, missfällt mir sehr.

*Berührung_en abneigt zu sein (kann individuell unterschiedlich aussehen)

Leseempfehlung:

https://aceinlace.wordpress.com/2014/12/22/touch-aversion-and-asexuality/

A. konfrontiert Nicole mit Acemisia. Erwähnt zusätzlich, dass bei Asexuellen ja „etwas Schlimmes (=psycho-sexuelles Trauma) passiert sein könnte“ oder da doch „etwas mit Therapie gemacht werden könne„(Vorschlag Konversationstherapie!).

Allosexuellen ist nicht klar, was sie da sagen!

Das wird auch im späteren Verlauf klar, wie allosexuelle Ignoranz aussehen kann! Ein Outing als Asexuelle_r stößt erfahrungsgemäß auf Unglaube, negative Gegenreaktionen. Im Spezifischen: Anti-Asexual Bias. Diskriminierung. Acefeindlichkeit.

Beinahe apologetisch (und schmerzvoll ironisch, angesichts des miserablen Beitrags von puls) kommt aus dem Off, dass das mit dem Nichtwissen über Asexualität zusammenhänge. Was folgt? „Asexualität bedeutet, dass man keine Lust auf Sex mit einem Anderen hat…“

NEIN! FALSCH! 🤦

CW Sex explizit

„Einige Asexuelle masturbieren“ ➡ *zeigen Achse mit Libido*

„einige A. empfinden gar keine Erregung“ ➡ *zeigen ‚keine Libido’*

WO FANGE ICH DA AN? Da schmeißen die so viel durcheinander (Erregung ist nicht gleich Libido, …) & ignorieren einen Haufen Implikationen!

Diese Achsen werden erweitert durch die Achse ‚fester Partner‘ (generisches Maskulinum, impliziert Monogamie) vs. ‚kein Partner’…

Amatonormativität: Das Partner_Innenschaften nicht nur romantischer Natur sein müssen… Nun gut, das wäre ja offenkundig zu viel verlangt.

Sex ist einfach überall“ kommt aus dem Off. DESWEGEN LASST DER ASEXUELLE MAL EINEN EXPLIZITEN FILM ÜBER SEX (‚Shame‘ haha🖕) ZEIGEN!

puls: Macht das mit Dir irgendwas? Den [Menschen im Film mit explizit sichtbarem Reproduktionsorgan] jetzt nackt zu sehen? Du würdest eher nicht wollen?[...] Da passiert auch gar nichts bei Dir? Da denkst Du eher 'Komm, zieh' Dir was an und dann ist besser'?
Calm down, Siggy Freud!

Wie unangenehm allosexuelle Ignoranz bitte ist?! Diese Fragen! Demnächst dann mit Blutdruckmessung & Elektroden, wa‘?!

Müssen wir das tatsächlich alles über uns ergehen lassen? Dass wir Allosexuellen Auskunft über unsere physische Erregung liefern, nur, damit sie uns ein klein wenig besser verstehen? Damit wir unsere Menschlichkeit zurückgewinnen? Das Medien so invasiv fragen: Nix Neues!

Es folgt noch eine grafische Sexszene zwischen zwei Menschen. Wie schön, dass Nicoles sex repulsed-heit so respektiert wird und in keinster Weise zum Konsumgut der Info/Unterhaltungmaschinerie umgewandelt wird /ironie off

Um nachzufragen, wie Nicole rausgefunden hat, dass sie asexuell ist, kommt ein „Was war der Auslöser?“ & ob sie „immer etwas gesucht hätte, was sie nie hatte“.

Nicole weiß seit einem halben Jahr das sie asexuell ist. Ich möchte gerne, dass ihr Euch selbst dazu Gedanken macht…

Es folgen Erfahrungsberichte mit einer „Flirtapp“ – und der dortigen Ablehnung, die Nicole erlebt. Und klar: Dass diese Ablehnung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung kommt; weil sie ist, wie sie ist, greift selbstverständlich das Selbstwertgefühl an.

Doch der 1 gute Moment wird gleich wieder unterbrochen, denn wir müssen schließlich auch einen „Normalen“ zu Wort kommen lassen: Der BFF. „Wie war es für Dich, als Du es erfahren hast?

KÖNNEN WIR WENIGSTENS EINMAL NICHT DIE ALLOSEXUELLE SICHT CENTERN?

Konnte es mir schon denken“ „Kein großer Schock, aber es war schon traurig, dass es doch so ist“ „sich für sie [Nicole] anders gewünscht“.

Wie schön, dass BFF Toni weiß, dass das Outing keine (Zitat) „spontane Idee“ war. Doch: Toni scheint der Verständnisvollste von Allen zu sein!

Ariane Alters Fazit: „Ein Mädchen, wie jedes andere auch! Und asexuell! Die Anderen haben ein größeres Problem mit ihrer Asexualität als sie selbst & ich erwarte den Tag, an dem es endlich egal sein wird, wer mit wem was genau macht oder eben nicht

Meine Übersetzung: „Wer hätte das gedacht! Die Asexuellen sind ja fast so wie wir Normalen! Mir ist es egal, ob Du lila bist oder ’n Stuhl heiratest [hat mir jemensch mal rl gesagt], wir sind doch ALLE GLEICH haha

Ich prophezeie Euch: Es wird eher so kommen, bevor Asexualität echt akzeptiert wird.

Mein Fazit: Erneut machen allosexuelle Medienschaffende mühselige asexuelle Aufklärungsarbeit und Sichtbarkeit zunichte, indem vollkommen unreflektiert und schlecht recherchierte Beiträge voller Acefeindlichkeit Sendezeit bekommen. Könnt Euch auf den Rücken klopfen!

Ihr seid mit Schuld, dass wir Asexuellen so ein tiefsitzenden Misstrauen gegenüber Medienvertretenden haben, die „mal eben“ ’nen kleinen Beitrag drehen/schreiben möchten. Dass sich kaum jemensch traut, sich zu zeigen, zu outen, weil wir eben genau Sachen wie die hier erwarten, zu Recht!

Ich habe mitbekommen, dass das puls (Bayrischer Rundfunk) im März noch unter 30-Jährige gesucht hat, die über die eigenen Erfahrungen als asexueller Mensch berichten wollen. Die tun mir jetzt schon Leid.

*Ageism; bekanntes Narrativ: Glaubhafter asexueller Mensch muss jung sein!

Danke Tobias Henkenhaf und Team, für gar nichts! Hören Sie auf, Asexuellen das Leben schwer zu machen.

Netter Titel: Alltag einer Asexuellen „Du bist doch krank!“

https://br.de/puls/tv/puls/alltag-asexualitaet-leben-ohne-sex-100.html

(Ich glaube, das offizielle Youtube-Video wurde mittlerweile gelöscht. Warum auch immer.)

8 Gedanken zu „„Warum sollten Asexuelle Angst haben, sich zu outen? Oder Interviews zu geben?“ Wegen Beiträgen wie der puls Reportage

  1. Ich habe bei vielen Leuten Angst, mich zu outen. Bei Interviews wäre ich auch sehr vorsichtig, es käme sehr stark auf das Format an. Die, denen ich gesagt habe, was ich bin haben entweder mit Unverständnis reagiert oder waren komplett überfordert. 😦

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  2. Danke für diesen aussagekräftigen Artikel! Die Puls Reportage war mein allererster Berührungspunkt mit Asexualität. Als ich sie damals geguckt habe, ist mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass ich mich selbst damit identifizieren könnte. Das lag wahrscheinlich unter Anderem an der irreführenden Repräsentation von Asexuellen und den Reaktionen darauf, die gezeigt wurden. Als Zuschauer habe ich so richtig die negative Konnotation gespürt, die über diese Orientierung vermittelt wurde. Mittlerweile identifiziere ich mich (glaube ich) als asexuell, wobei Seiten wie AVEN mir sehr geholfen haben und ganz bestimmt nicht die Berichterstattung von puls.

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    1. Wow, das sind doch echt mal positive Neuigkeiten in diesem Zusammenhang und es freut mich zu hören, dass Du durchaus für Dich hilfreiche Quellen gefunden hast, um Dich selbst und Deine Orientierung hoffentlich ein bisschen besser zu verstehen. Das gibt einem Menschen echt ein bisschen Hoffnung zurück!
      Danke, dass Du das mit uns teilst, Marlene! Extrem cool!

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  3. Pingback: Frust – Aces NRW

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